XC - Rennstrecke Böhlen

Es ist mal wieder Dienstag – Arbeitstag – und wie schon so oft in diesem Jahr zielen die besten Thermik-Vorhersagen nicht arbeitnehmerfreundlich auf Samstag und Sonntag ab, sondern mitten in die Woche. Erst am Sonntag wurden völlig übermotiviert 300 km im Thüringer Wald verkutscht, um den ganzen Tag bestes Flugwetter zu beobachten, welches jedoch immer einen Bogen um den Startplatz gemacht hat. Thermisch aktives Sommerwetter scheint mir ungeeignet für die kleinen mitteldeutschen Flugberge mit 100...200 m Höhenunterschied. Entweder es ist zu viel überregionaler Wind der dann plus Thermik eine brodelnde Mischung am Starthang produziert (an solchen Tagen ist dann Fliegen wenigstens in den Abendstunden möglich) oder es ist zu wenig Wind. Da gehen die Bärte dann scheinbar immer irgendwo in Talmitte ab und am Start ist nur kalte nachziehende Luft zu spüren oder gar Flaute und Rückenwind. Ergo: Sommerthermiktage sind Windenschlepptage.

Schon am Sonntag wurden trotz spät einsetzender Sonneneinstrahlung und suboptimaler Windrichtung vom Schleppgelände Hainer See aus schöne Flüge gemacht. Am Montag wurde von knallharter Thermik am Flugplatz Böhlen berichtet, Streckenflüge konnten erst nach 16 Uhr gestartet werden und heute beginnt der Dienstag mit einer sagenhaften Tag-/Nacht-Temperaturdifferenz von 19 K. Na egal, ich muss ja sowieso arbeiten, hatte ja erst letzte Woche 2 Tage frei, da geht das doch nicht schon wieder. 12 Uhr Mittagspause, die Cumuluswolken reihen sich brav eine neben der anderen über Leipzigs Zentrum auf, der Fußweg zur Kantine die reinste Folter, ach bloß nicht hochschauen, ist schon okay, wird bestimmt gleich überentwickeln und Regen geben und ist ja sowieso zu viel Wind.

Wie zum Hohn zieht gerade wieder eine Bilderbuchablösung durchs Büroviertel. Nach dem Mittag mache ich einfach die Jalousie runter und gut nun. 14.30 Uhr: Mist, auf dem Weg zum Kaffeeautomat ein offenes Flurfenster, wieder dieses Traumwolkenbild. Okay, was sagt der Arbeitsvertrag; Gleitzeit ab 15 Uhr, dass nehmen wir heute wörtlich, 15.05 Uhr aufs Rad gesetzt, ab nach Hause, Flugsack geschultert und rein ins Auto, den Feierabendstau geschickt umfahren und 16 Uhr auf dem Flugplatz aufgeschlagen. Na das war schon mal rekordverdächtig.

Am Himmel ein Zulu, der Christian dreht schon Richtung Zwenkau. Sofort aus dem Auto gesprungen und dann ganz verstohlen Gelassenheit vortäuschen, das Liedchen aus dem Radio weiterpfeifen und den Startleiter begrüßen:

„Ähm, wo ist denn heute die Helmreihe?“
„KEINE da? Ach so ist das, will wohl gerade niemand…“

Zack, Schirm hingeschmissen, Gurtzeug an, Helm auf, Vario an, Schei***, eine Böe hat den Schirm schon wieder zusammengefaltet. Also noch mal Ruhe bewahren, 5-Punkte-Check (Bart 1 Zwenkau, Bart 2 Groitzsch, Bart 3 Elstertrebnitz,...). Zwischen starken Ablösungen gibt es immer wieder ruhige Phasen und so eine will ich haben. Plötzlich steht die Windfahne in Platzmitte 90° versetzt zur Fahne am Start. Wenn da mal nicht direkt ein dicker Bart ranrollt. Also Los, Seil straff, fertig und S T A A A R T!

Ja, richtig gehofft, im ganzen Schlepp spüre ich die Thermik und habe schon mindestens 400 m Ausklinkhöhe, dann falle ich aus dem Steigen. Das Seil hat wenig Zug, also heute mal wie die Profis ohne Beinzeichen ausklinken und linksherum gegen den östlichen Seitenwind zurück. Sofort hab ich das Steigen wieder und es geht flott aufwärts bis 1500 m. Ein Blick zur Uhr: 16.30 Uhr. Dieser Fahrstuhl hat nur 5 Minuten bis zur Basis benötigt. Puh, hier ist es angenehm kühl. Jetzt könnte man sich beruhigt zurücklehnen, die traumhafte Aussicht Richtung Leipzig mit seinen blau glitzernden Seen ringsum genießen und ein paar Fotos machen. Huch, der Fotoknipser liegt noch im Auto, schade drum. Aber wie war das noch mal; heute ist doch Gleitzeit!
Dann mal her mit dem Funkgerät:
„Frank an Christian, bist du noch oben? Wollen wir auf Strecke?“

Keine Antwort. Hat der Kerl seine Funke nicht dabei? Dafür eine Stimme vom Boden, Torsten gibt mir einen Arschtritt:

„Ist dein Autoschlüssel da?“
„Na klar, steckt wie immer.“
„Dann flieg los, ich hol dich, wenn du abgesoffen bist und denk dran: Tagesziel ist der Segelflugplatz Laucha.“

Hm, Laucha, wurde gestern knapp verfehlt … das sind ja min 50 km … wie soll das gehen mit Start nach 16 Uhr? Ach egal, einfach mal losgleiten!
Vor lauter Unentschlossenheit habe ich nun eine neues Problem – nur noch 600 m Höhe und den gesperrten Luftraum vom Flughafen Leipzig/Halle im Rücken. Jetzt konzentrieren, 90° zum Wind vorhalten, da hinten die gelben Felder zwischen Pegau und Groitzsch sehen doch ganz gut aus. Ganz vorsichtig blubbert was hoch und zieht mich wieder über die Stadt Richtung Kontrollzone, aber der Blick auf die GPS-Karte zeigt, da ist noch Luft. Okay, vorsichtig weiter drehen, da kommt ein Segelflieger, nein, ich kann jetzt nicht winken, ich muss Höhe machen. Ach wie gut es doch den Kindern da unten im türkis leuchtenden Freibad geht. Ich hör sie johlend ins Wasser klatschen. Ob die mich hier oben sehen können? Egal, heut wird nicht gebadet, zumindest nicht solange hier das blöde Ding piept, leider viel zu selten piept.

Na so ein Nullschieber ist wenigstens kein Sinken und durch den Windversatz geht es auch vorwärts. Gleich hinterm Ort ein Tagebau, hässlich graue Wüste, wenn man da landen muss... NEIN hier wird nicht gelandet, hier wird geflogen, Kopf nach oben zum Himmel, wo ist die nächste Wolke, Blick zum Vario, bringt das Kreisen wirklich Höhenzuwachs? Ja, es wird stärker – grauer Tagebau macht auch gute Thermik. Auf zur Basis. Leider sind die Wolken nicht erreichbar, aber 1500 m sind doch eine akzeptable Arbeitshöhe und die CTR ist nun auch erfolgreich umschifft. In Flugrichtung die Elsterniederung und dann ein riesiger Windpark. Na das muss doch gehen. Geht auch wie geschmiert. Schon vor dem Windpark erwische ich wieder einen Bart und dann zieht der Windpark endlich durch bis zu den Wolken auf 1800 m NN. Immer schön den Schirm stabil halten und bloß nicht herausfallen – nicht immer ganz einfach heute. Vor lauter Konzentration habe ich gar nicht gemerkt, dass die A9 schon unter mir liegt und vor mir… viel Grün und Flüsse – das müssen Saale und Unstrut sein und die Stadt, na das sollte Naumburg sein. Na schön blöd, eine Riesen-Stadt und zwei Flüsse queren… weiter nördlich liegt Freyburg, da hat sich der Torsten gestern versenkt.

Tja, was tun? Vorerst piept es noch und dann …? Gleitzeit! Also rein in den Beschleuniger. Soll doch der Boomi mal zeigen was er kann. Da nehme ich einfach den Prallhang vom Saaletal, dahinter gibt es auch wieder trockene gelbe Felder und wenn nicht, biege ich einfach Richtung Laucha ab, denn da gibt es genug Wiesen zum Landen. Der Mut wird belohnt. Mit über 50 km/h und Rückenwind geht es bei wenig Sinken über die erwarteten Saufstellen. Jetzt kann ich den beliebten Soaringhang von Laucha mal aus einer ganz anderen Perspektive entdecken. Weit unter mir müht sich ein Motorflieger ab, einen Segler in den letzten Bart zu bringen. Es ist 18.30 Uhr das gesteckte Ziel Laucha ist erreicht und an der Waldkante da vorne muss doch noch ein Bart stehen.

Ja Wahnsinn, heut geht jeder Plan auf, es geht, ES GEHT HOCH! Da hat der Wetterbericht recht gehabt. Heute gibt es Thermik bis 19.00 Uhr. „Hier her ihr Segler, hier her!“ Nein, keiner kommt, ist auch schon ganz schön schwach, aber jetzt hab ich Ruhe weg – das Ding verliere ich nicht wieder. Ganz sanft mit 1 m/s geht der letzte Fahrstuhl des Tages noch mal auf 1300 m. Dann wieder die Kiste in den Wind gedreht und weitergleiten.

Am Horizont ein Bergrücken, das Kyffhäuser Denkmal ist schon zu sehen, aber vor mir noch das breite Tal der Unstrut. Mit einem leichten Anflug von Übermut steuere ich die luvseitige Geländekante an. Da kann man doch bestimmt noch mal aufsoaren. Leider nein, es ist dann doch Ende aller Thermik. Mensch, wäre es nur eine Stunde früher. Dieser Höhenzug ist doch der perfekte Einstieg. Lauter trockene, gelbe Felder, leicht ansteigendes Gelände und dann Waldkanten. Hier fängt das Harzer Bergland an. Schade, dass heute Schluss ist, aber beim besten Willen besteht kein Grund zum Ärgern.

Ein Landeplatz ist schnell ausgemacht – da unten vor diesem Örtchen liegt eine schöne grüne Wiese. Doch kurz vorher muss ich noch mal in die Trickkiste greifen. Beim näheren Betrachten stehen da mindestens 6 Pferdchen im Schatten am Rande der Wiese. Pferde reagieren empfindlich auf bunte Schirme, die vom Himmel fallen. Da bombe ich mich doch lieber abseits in das Weizenfeld ein. Die Landung ist unruhiger als erwartet. Blubbert da etwa immer noch was? Ein Blick auf das GPS zeigt 65 km Luftlinie, von Böhlen bis in den Kyffhäuserkreis nach Wiehe.

Das ist mein bisher bester Streckenflug. Es ist 19.10 Uhr; Gleitzeit zu Ende; jetzt kommt der Feierabend! Da leg ich mich doch noch eine wenig ins Gurtzeug, schaue den Schwalben beim Fliegen zu und lass die Grillen ihr Lied zirpen während die Sonne hinterm Hügel versinkt.