XC - Alpensafari 2009

Endlich wieder in den Bergen


Die letzte Woche im September haben wir uns seit 3 Jahren fest zum Fliegen in den Dolomiten reserviert. Dabei hat sich mein Rennrad neben dem Gleitschirm einen gleichberechtigten Platz im Gepäck ergattern können - sicher manchmal zum Leidwesen der anderen :-)

Dank positiver Wetterprognose für die Nordalpen steuerten wir am vergangenen Sonntag (20.09.09) zu sechst im Ford Transit von Knut (www.undab-gehts.de) als erstes Ziel die Hochries bei Rosenheim an. Den Nudlbichl (ein Bauernhof) in Grainbach kenne ich dank Thomas Post seit nunmehr 5 Jahren als Standardquartier für die Leipziger Flieger im tiefsten Oberbayern. Friedbert hatte passenderweise noch eine Ferienwohnung für 6 Personen frei - man muss eben nicht alles schon vorher planen.

Zwei Leutchen sind an diesem Tag noch geflogen und konnten die Luft zusammen mit Hans Bausenwein teilen. Der hatte sich eine nette Parkposition zwischen Gipfel und Nudlbichl gesucht und genoss sichtlich den Blick in Richtung Chiemsee. Ich hingegen hab mich auf's Rad gesetzt und bin nach Prien an den Chiemsee gefahren. Das Abendbrot musste standesgemäß im "Maurer" verzehrt werden. Sonntagabend, 8 Leute im Lokal (uns eingeschlossen), 21 Uhr Küchenschluss, ein Kräuter auf's Haus; da ist die weiß-blaue Welt noch in Ordnung.

Wegen sich hartnäckig bis zum Mittag haltenden Wolken am Hausberg haben wir uns am nächsten Tag entschlossen, ein weiter inneralpin gelegenes Fluggebiet anzusteuern: Kössen.

Circa 50 km Fahrstrecke, nette Cumuli, nette Bahnpreise, Basis auf Gipfelhöhe und Wind zum Soaren (für Dohlen). Meinen Premierenstart in diesem Revier vermassle ich gleich. Man muss doch eigentlich keine Angst haben, wenn 3 Schritte nach dem Aufziehen der Abgrund beginnt...
Der zweite Start klappt gut und was folgt sind 80 Minuten Sightseeing in Hangnähe zusammen mit den anderen Jungs vom Verein.
Thomas P. gelingt der erste Takeoff am relativ kleinen Oststart perfekt. Stephan, Knut und Thomas W. legten direkt auf der großen Wiese mit Startrichtung NO aus und kamen auch gut in die Luft.

Jeder versucht der höchste zu sein, den besten Bart auszugraben, sich am längsten in der Luft zu halten. Mit zunehmender airtime werden die Bewegungen von Schirm und Pilot fließender, effektiver, insgesamt entspannter.

Noch am Abend bekam ich eine SMS, dass das Wetter in den Dolos wohl bis zum Donnerstag richtig gut aussähe. Damit war unsere Entscheidung gefallen und am nächsten Vormittag der Bus schnell wieder vollgepackt mit allerlei Kram (okay, hauptsächlich mit meinem Kram).
Über die A12 passieren wir Kufstein, Wörgl, Innsbruck und schließlich das Einfallstour der Germanen in den Süden: den Brenner. An der chiusa Klausen verlassen wir den von unverzinkten Leitplanken gesäumten Pfad, um in die Bergwelt des Grödnertals zu entfliehen.
St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein bleiben am Wegesrand zurück, während sich vor uns das beeindruckende Panorama des Sella-Stocks öffnet. Thomas P. war unser Dolomiten-Frischling und sogar für ein paar Minuten geplättet von diesen tollen Bergen... Über den Sella-Pass auf 2240 m NN windet sich die enge Straße wieder hinab ins Tal nach Canazei.

Benvenuti a Val di Fassa


Just zur Mittagspause der Bergbahn in Campitello di Fassa treffen wir am Parkplatz ein. Ärgerlich zum einen, zum anderen aber auch praktisch. Nämlich um gleich eine Unterkunft zu suchen. Der Campingplatz "Miravalle Camping" befindet sich 400 Meter Luftlinie von der Talstation der Seilbahn entfernt und sollte für die nächsten Tage unser Domizil werden.

Wieder zurück an der Bahn, beginnen die Überlegungen: 3-Tages-Panorama-Pass oder 6-Tages-Panorama-Pass? Die Entscheidungen fallen fifty-fifty aus.
Mein Wiedersehen mit dem Col Rodella verläuft nicht ganz so beglückend:
42 Minuten ein bissl Hangkratzen, nicht den Einstieg in den Hausbart finden. Forget about it!

Der zweite Flug am späten Nachmittag bringt immerhin eine Talquerung und sanftes Soaring am Westhang. Hohe Ziele? Wir doch nicht.
Thomas P. fühlte sich am Col Rodella gleich pudelwohl, zeigte seine Soaringqualitäten und fügte sich perfekt in die Schar der sunset-glider am Westhang oberhalb des Campingplatzes ein.

Am Morgen des 23.09. geht es direkt vom Zelt in den nahen Fluss zur morgendlichen Duscheinheit. Wobei, es war eher ein Vollbad. Die Wassertemperatur ließ gerade einmal eine Querung hinüber zum anderen Ufer (denn danach spürte man seine Füße kaum noch) sowie ein kurzes (!?) Hinlegen zu. Frank und Thomas W. waren mit von der Partie (oder gar die Anstifter?).

Während ich mein Rad zum Sella-Pass ausführte, nahmen die anderen bereits die Bahn zum Startplatz. Es war ein Tag für große Taten, aber seht selbst: klick.

13.24 Uhr starte ich als letzter der Gruppe vom Südstart unterhalb des Col Rodella und bereits 6 Minuten später zieht der Hausbart an die Basis auf 3100 m NN. Wuuuuuhhhhuuuuuuuuu!!!

Marmolada, ich komme! Oder auch nicht.


Die Querung hinüber zum Belvedere mit Thermikanschluss ist keine Meisterleistung. Das wahre Können zeigt sich erst beim Weiterflug zum NW-Grat der Marmolada. Von hier gilt es, sich an diesen nackten Felswänden emporzukreisen und bis zum Gipfel vorzuarbeiten. Vielen gelang es. Mir nicht. Ob jetzt die Angst überwog, in diesem unwirtlichen Gelände notlanden zu müssen, oder einfach die Freude darüber, überhaupt hierher - mit erstmaligem Blick auf die 1000 m hohe Südflanke der Marmolada - zu gelangen; ich kann es nicht genau sagen.

Der Plan für den weiteren Flug sah eine Rückkehr zum Belvedere vor mit anschließendem Einstieg in den Hausbart. Nur dumm, wenn man auf der Südseite unterhalb des Gipfelniveaus ankommt. Mir blieb nichts anderes übrig, als nach SW abzubiegen und den Kamm zu umfliegen. Der Thermikanschluss auf der Westseite gelang mir nicht mehr, so dass ich meinen Plan, den Sella-Stock zu besuchen, leider aufgeben musste. Wenngleich nicht alles geklappt hat so war ich doch zufrieden über die sichere Rückkehr zum Landeplatz.

Die Gespräche am Abend waren allesamt schwärmerisch. Auszüge: "Über dem Langkofel gewesen." "Es ging überall hoch". "Ich stieg noch mit angelegten Ohren". "Ich war am Rosengarten". "Über den Sellastock, wieder zurück zum Col Rodella und nochmal das Ganze."
An Testosteron gab es neben dem Vino rosso wahrlich keinen Mangel!

Zwei Pässe und ein verwandelter Elfmeter


Am nächsten Morgen ging es für uns drei wieder in den Fluss. Kann mir jemand verraten, warum Menschen ein Seilbahnticket für den Sass Pordoi kaufen, wenn der Gipfel in einer dicken Wolke hängt? Die deutschen Touris hätte ich fragen sollen. Ja, die Wolken waren heute leider in größerer Zahl vertreten als dies noch am Vortag der Fall gewesen war. Nach der Rückkehr von der Sella fuhr ich dennoch hinauf zum Startplatz, weil mich diese bunte Traube in der Luft irgendwie magisch anzog. Thomas P. war bereits seit über einer Stunde soarend unterwegs auf gleichem Höhenniveau vor dem Col Rodella-Süd-Startplatz. Ich startete 14.02 Uhr vor Frank und versuchte meine Flugberechtigung gegen die anderen 40 Piloten durchzusetzen. Heftig, heftig, man ist nur am schauen gewesen, wer was macht und wer woher kommt oder wohin fliegt. An der Westseite des Col Rodella bildete sich ein Zylinder mit Schirmen - ähnlich dem Schwimmbild von Maränen. 14.33 Uhr hatte ich schließlich den Zylinderriegel geknackt und konnte bis zur Spitze des Rodellas aufsoaren. Aber dann: Frank flog in Richtung Langkofel, welcher ab circa der halben Höhe in den Wolken steckte. Piep, piep, piep - im Geradeausflug entlang einer Geländerippe. Was für ein Gefühl!

Gemeinsam tauchten wir in die Wolke ein, hielten Funkkontakt, "spazierten" an der Felswand entlang, machten wieder Höhe ... und schauten hinunter zu den anderen, die da 400 Meter tiefer weiterhin am Startplatz soarten. Unbeschreiblich. Links und über einem die Wolke, rechts der freie Blick ins Tal. Und eine volle Blase. Damn, sowas aber auch. Meine ganze Konzentration ging flöten und nach 1:24 h gab ich dem Druck am Landeplatz nach. Thomas P. war der wahre Airtime-Champ des Tages: 2:42 h!!!!!!

Safari ohne wilde Tiere


Ein neuer Tag. Nach dem morgendlichen Wettercheck beschlossen wir, das Fluggebiet Seceda zu besichtigen, da im Tagesverlauf Regen an unserem "Hausberg" angekündigt wurde. Gesagt getan, einmal über den Sella-Pass rüber und dann weiter bis St. Ulrich. Hier startet die Seilbahn hinauf zu oben genanntem Fluggebiet. In Oliver Guenays Buch "Die schönsten Fluggebiete der Alpen" wird mehrfach ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Greenhorns hier nichts verloren haben. Einmal wegen des schwer landbaren Terrains, aber auch wegen der Flugbedingungen an diesem nackten Felsriesen. Keiner wollte den ersten Lemming machen (die Luft war außerdem frei von Schirmen) und nach 30 Minuten war der Gipfel in den Wolken. Alles richtig gemacht!
Weiter gings zum Gitschberg. Wunderschön sich aufbauende Altocumulus castellanus, ein 20er Gipfelwind und ein komisches Bauchgefühl waren die objektiven und subjektiven Begleiter beim Warten auf der Holzbank am Hanglandeplatz. Nee, das muss nicht sein.

Was lernt man aus so einem Tag? Ich habe ein weiteres Mal gelernt, dass wir uns in die Natur einfügen und ihre Zeichen interpretieren lernen müssen. Aus dem Wissen, nichts erzwingen zu können, erwächst eine tiefe innere Ruhe.
Auf dem Rückweg zum Zeltplatz befuhren wir eine noch stellenweise nasse Passstraße - das Sightseeing war demnach nicht soo falsch.

Ciao, bella dolomiti!


In der kommenden Nacht regnete und gewitterte es, so dass sich am nächsten Morgen die Basis auf 400 m über dem Landeplatz erhob. Die Prognose für die Folgetage war leider wenig schmeichelhaft, weshalb wir dem Tipp ebenfalls zeltender Flieger vertrauten und unser Heil nördlich des Alpenhauptkamms suchten. Thomas W. war bereits mit Bekannten aus Bassano im Gespräch und erhielt die entscheidenden Informationen. Die Fliegerwelt ist eben klein.
Unsere 6-Tages-Panorama-Pässe bereiteten ein paar neu angereisten Piloten hoffentlich einen schönen Flugsonntag.

Wir erreichten den Achensee am Nachmittag des vergangenen Samstags - zu unserer Freude sogar geschmückt mit bunten Schirmen in der Luft. Am Landeplatz gab uns eine Tandempilotin Auskunft zum Wetter der kommenden Tage: "S bleibt schee". Ab zur Seilbahn!
Der Startplatz am Rofan ist ein wenig tricky. Man benötigt einen relativ klaren Süd, weil zu Beginn der Skipiste abwärts gefolgt wird. Steht der Inntalwind aus Ost an, kann sich eine gefährliche Leesituation herausbilden. Unsere Starts passten alle und es ließen sich sogar noch 26 Minuten Soaring herausholen.
Nach einem tollen Abschlussabendessen und einer geruhsamen letzten Nacht im Zelt ging es am Sonntagmorgen nackt im Achensee baden. Die Wassertemperatur lag dabei im Vergleich zum Bad in den Dolomiten bei 3 statt 1 cm.

Frühstück im Zelt, Zeltabbau, Schirm auf den Rücken und ab zum Startplatz. 800 hm lagen vor mir, keiner wollte mitkommen. Dreimal wurde ich unterwegs gefragt, wie schwer denn die Ausrüstung sei und ob ich vielleicht nicht noch die ein oder andere Jacke tragen wöllte. Schließlich macht die das Kraut dann auch nicht mehr fett. Nö :-). Ich benötige 1:21 h für die 800 hm auf 5,3 km Wegstrecke. Zur Nachahmung unbedingt empfohlen.

Am Startplatz angekommen landet erstmal der Heli ein und transportiert einen beim Start verunfallten Piloten ins Krankenhaus. Leestart am Morgen bringt Kummer und Sorgen! Ich warte noch gemeinsam mit Thomas und Frank bis zum Abgang der ersten Thermiken aus Süd, um dann mein Heil an den südexponierten Felsen zu suchen. 48 Minuten kann ich mich in der Luft halten - erreiche jedoch nur 56 Meter Startüberhöhung. Na ja, zum Adler ist's eben noch ein weiter Weg...

Thomas P. und Frank machen am Abschlusstag zwei Flüge und scheinen am Landeplatz sichtlich erleichtert zu sein, das schwierige Gelände unbeschadet gerockt zu haben. Mit gemischten Gefühlen verließen wir am späteren Nachmittag dann wieder vollzählig den Achensee in Richtung Heimat. Fliegen ist schön und macht süchtig - aber bitte achtet immer auf die Zeichen der Natur und vertraut eurer inneren Stimme!

Einen schönen Herbst wünschen euch Frank, Knut, Stephan, Thomas P., Thomas W. und Christian.

Alle Flüge der Tour finden sich hier: klick.